Es war wieder soweit, ich ging mir sogar selbst schon auf die Nerven, höchste Zeit. Ich brauchte Pause von der Realität! Grand Hotel Zell am See!


Pünktlich zu einem späten Lunch komme ich auf der Seeterrasse des Grandhotels an und ergattere den letzten Tisch. Der Rosé hat die gleiche Farbe wie das ausgeblichene Tischtuch, Essen und Ausblick sind einmalig. Gedankenverloren lasse ich das Panorama auf mich wirken, entschwinde im Geiste in längst untergegangene Zeiten, als ich mit einem Ohr höre:
"Ich bin sicher, der junge Herr hat nichts dagegen, wenn ich mich zu ihm setze."


Ich hole gerade Luft um zu protestieren, als mir fast der Wein bei der Nase wieder rauskommt. Die Frau, die sich gerade in nahezu perfektem Deutsch an meinen Tisch reklamiert, trägt Abaya und Kopftuch. Ich beginne die Wendung, die mein Mittagessen gerade nimmt, zu mögen.
Ohne meine Reaktion abzuwarten lässt sie sich in den Sessel fallen und bestellt Espresso.   Sie sieht mich an. "Danke, ich hatte einen schrecklichen Tag. Ich wurde geblitzt auf der Fahrt von München hierher."
Ich blicke auf die Rolex die unter ihrem weiten Ärmel hervorlugt und die Louboutin-Stilettos, mein Mitleid sinkt gegen Null.


"It's a hard knock life. Darf ich fragen, woher Sie kommen? Mein Name ist übrigens Jakob."
"Ich heiße A. ich komme aus dem Nahen Osten. Und Sie?" Ein schelmischer Grinser unterstreicht ihre verbale Kopfnuss.


"Aus Europa." Wir lachen beide und führen eine lebhafte Unterhaltung während meiner Hauptspeise und des Desserts.


Der Kellner schenkt mir Wein nach, Sie blickt darauf und seufzt. "Ich hätte wirklich gerne ein Glas."
Ich grinse "Das ist aber nicht Halal, Mademoiselle". Blitzschnell wendet sie sich mir zu, ihre Gucci-Brille rutscht ein Stück und ihre starken Augen blicken mich intensiv an. "Ach und ihr Christen wartet also alle mit dem Sex bis zur Ehe?"


Touché. "So nehmen Sie doch ein Glas.“ Sie macht eine kaum merkliche Bewegung in Richtung Nebentische. Natürlich wird unsere illustre Tischgesellschaft mittlerweile beobachtet.
Ich blicke den Kellner an. "Bringen sie der Dame ein Glas Rosé und lassen Sie es wie etwas Antialkoholisches aussehen."


Der Wein kommt im Wasserglas und mit Strohhalm, interkulturell-antialkoholisches Camouflage quasi. Sie beginnt zu erzählen, von ihrer Kindheit im Wüstenstaat, dem Studium in der Schweiz und ihrem Unternehmen. Von der Zerrissenheit zwischen Orient und Okzident. Wir sprechen über Zell am See.


"Ich komme so gerne hierher, weil es im Sommer der einzige Ort in Europa ist, wo ich als gläubige, praktizierende Muslima nicht auffalle. Außerdem ist es die Märchenversion von Europa. Ich denke als Araber empfindet man hier das, was ihr Europäer beim Spazieren durch einen Basar fühlt. Es ist surreal und wunderschön".


Sie verabschiedet sich um einzuchecken. Ich blicke auf den glitzernden See und genieße diesen perfekten Moment. Ich habe lange keine Frau mit derartigem Charisma getroffen. Kein Schleier und keine Abaya könnten dies je verdecken.


© Jakob Zitterbart